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÷¿ Hans-Jurgen Dçpp, 2005
Vorlesung St.Petersburg 20.04.2005

 

Erotische Kunst
und das Verlangen
nach Freiheit

Was fç?r den einen
Pornographie ist,
bedeutet fç?r den anderen
das Lachen des Genius.

D. H. Lawrence

Im Keller eines groç?en deutschen Museums lagert ein Koffer, gefç?llt mit alten erotischen Zeichnungen und Lithographien aus der Frç?hzeit des 19. Jahrhunderts. Nur wenige wissen von diesem Fund. Offiziell jedoch existiert dieser Koffer nicht. Ein Zettel klebt auf ihm: ×??Nicht inventarisiert, da nicht verwertbar!×??

Dieser Koffer zeigt uns etwas ç?ber Schicksal und Umgang mit der erotischen Kunst:

Seit Jahrhunderten existiert sie. Seit Jahrhunderten fç?hrt sie eine Schattenexistenz. Sie wird weggesperrt, wenn nicht gar verfolgt und vernichtet. Verbannt in die Tresore çffentlicher Museen und privater Kabinette. ×??Verbotene Bilder×?? allesamt; als "pornographisch" verboten insbesondere in unserem westlichen, dem Sexuellen gegenç?ber wenig aufgeschlossenen Kulturkreis. Hier haben Zensurgesetze durch Jahrhunderte hindurch Kç?nstler und Verleger gezwungen, nur winzige Auflagen herzustellen, die nur eine kleine Gruppe kenntnisreicher ×??Amateure×?? sich leisten konnte. Manche Editionen sind heute daher kaum mehr auffindbar, und wenn doch, dann sind sie unbezahlbar.

×??Pornographie×?? ist ein moralisierender Schmç?h-Begriff. Nç?hme man den Begriff der Pornographie in seiner ursprç?nglichen griechischen, rein beschreibenden Bedeutung, nç?mlich als ×??Huren-Schreibe×??, also als Bezeichnung eines Textes, der sich auf geschlechtsbezogene Dinge bezieht, dann kçnnte man freigeistig und ohne christliche Entwertung durchaus Erotische Kunst mit Pornographie gleichsetzen, soweit es um die dargestellten Inhalte geht. Diese Umwertung kç?me einer Rehabilitierung des Begriffes "Pornographie" gleich.

Wie zeitabhç?ngig die wechselnde Bewertung als Kunst und Pornographie ist, zeigt z.B. die ç?bermalung der Figuren von Michelangelos ×??Jç?ngstem Gericht×?? in der Sixtinischen Kapelle. Nacktheit galt in der Renaissance nicht als obszçn. Der Auftraggeber Papst Clemens VII sah in der Ausfç?hrung nicht das geringste Unsittliche. Sein Nachfolger Paul IV beauftragte dagegen einen Maler, der das ×??Jç?ngste Gericht×?? mit Hosen zu versehen hatte! Erst in unserer Zeit wurden die Figuren wieder freigelegt. ×?'

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit den ausgegrabenen pompejianischen Fresken, die erst jetzt wieder der ç-ffentlichkeit zugç?nglich gemacht wurden. 1819 wurde im Palazzo degli Studi, der zum Nationalmuseum bestimmt wurde, das sogenannte ×??Kabinett der obszçnen Gegenstç?nde×?? eingerichtet. Zu dem abgeschlossenen Raum hatten nur ×??Personen reifen Alters und von bekannter Moral×?? Zugang. 1823 ç?nderte die Sammlung ihren Namen in ×??Kabinett der verschlossenen Gegenstç?nde×??. Das Wort "obszçn" selbst galt als obszçn. Auch hier konnten die Werke nur von denen gesehen werden, die im Besitz einer regulç?ren kçniglichen Erlaubnis waren. Die reaktionç?re Welle nach den Unruhen von 1848 ergriff auch die erotische Sammlung des Museums. 1849 wurden die Tç?ren des ×??Kabinetts der verschlossenen Gegenstç?nde×?? endgç?ltig verschlossen. Drei Jahre spç?ter wurde die Sammlung in einen noch entlegeneren Saal ç?berfç?hrt, dessen Tç?ren sogar zugemauert wurden. Erst 1860, als Guiseppe Garibaldi in Neapel eingezogen war, sorgte man sich um die Wiedererçffnung der erotischen Sammlung. Der Name der Sammlung wurde geç?ndert in ×??Pornographische Sammlung×??. Viele Objekte wurden im Verlaufe der Zeit aus der Sammlung entnommen und in die normalen Ausstellungen eingefç?gt. Die Geschichte des Kabinetts ist also ein Beispiel fç?r die Sitten der letzten drei Jahrhunderte.

Nicht jede Zeit ist fç?r die Gestaltung des Erotischen gleich gç?nstig. Sie kann sogar zu ihrem erklç?rten Gegner werden.

So schuf die Libertinage des Rokoko eine fç?r die Hervorbringung erotischer Werke gç?nstige Atmosphç?re. Doch ist Erotische Kunst nicht nur ein Spiegel der erlangten sexuellen Freiheit. Sie kann ebenso auch Spiegel der Verdrç?ngung sein, die dem Erotischen aufgebç?rdet wurde. ×?'

 

Was erklç?rt die Empçrung und Entrç?stung, die seit Jahrhunderten die Geschichte der erotischen Kunst und Literatur begleitet? Mit wild gemischten Gefç?hlen reagieren wir auf alle kç?nstlerischen und nicht-kç?nstlerischen Darstellungen des Erotischen: Neugier mischt sich mit Empçrung und Abscheu; sittliche Bedenken gehen einher mit intellektuellen Vorbehalten. Doch je hçher der Ausschlag auf der Richter-Skala unserer Empçrung, um so tiefer, so dç?rfen wir annehmen, ist die Erschç?tterung, die ein Werk in uns bewirkt; Erschç?tterungen, die auf tektonische Verschiebungen im seelischen Gefç?ge schlieç?en lassen: Erotik bedroht uns!

Was Erotik ist, lç?ç?t sich mit Georges Bataille am ehesten im Gegensatz zur Welt der Arbeit bestimmen. "Ich behaupte nicht", schreibt Bataille, "daç? die Erotik das wichtigste Problem ist. Das der Arbeit ist dringender: aber es ist ein Problem, das unseren Mitteln ents pr icht, wç?hrend die Erotik das Problem der Probleme ist. Insofern er ein erotisches Lebewesen ist, ist der Mensch fç?r sich selbst ein Problem. Die Erotik ist der pr oblematischste Teil in uns". Bataille unterscheidet zwischen der Welt der Arbeit und der der Erotik. Damit werden zwei unvereinbare Bereiche benannt, die auf zwei unvereinbaren Elementen beruhen: dem des Verbotes und dem der ç?berschreitung. Auf alle Fç?lle gehçrt der Mensch der einen und der anderen der beiden Welten an, die sein Leben, ob er will oder nicht, zerreiç?en. Die Welt der Arbeit und der Vernunft ist die Grundlage unseres Lebens. Aber die Arbeit erfç?llt uns so wenig, wie uns die Isolierung in der abgrenzten Individualitç?t nicht glç?cklich macht. Das Element der ç?berschreitung ist kennzeichnend fç?r die Erotik. In der ç?berschreitung geht es ×?' Bataille zufolge ×?' um die Auflçsung gebildeter Formen, jener Formen des sozialen, regelmç?ç?igen Lebens, welche die Ordnung der bestimmten Individualitç?ten ausmachen, die wir sind. Diese auf Aus- und Abgrenzung beruhenden Formen werden in der Erotik in Frage gestellt, im hçchsten Grade verwirrt und gestçrt. Erotik markiert die brisante Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Was uns bedroht an ihr, wird als Einbruch der Gewaltsamkeit und Grausamkeit erfahren. Immer wieder gibt man sich seit Rousseau dem vergeblichen Versuch hin, diese Gewalt und Grausamkeit aus der Wahrnehmung des Sexuellen zu verdrç?ngen: Sexualitç?t wird im westlichen Europa und in Amerika idealisiert als harmloses Freizeit-Vergnç?gen, das zum healthy-way-of-life gehçrt. Doch diese Form "befreiter" und tolerierter Sexualitç?t ist selbst schon eine domestizierte; ihr hat man den Stachel der Lust und der Gewaltsamkeit schon gezogen, auf den wie kein anderer zuvor und nach ihm Marquis de Sade mit seinem Werk hinwies. Das erschreckte Zurç?ckweichen vor dem gçttlichen Monster Sade, dessen Schriften man noch in unserem aufgeklç?rten Jahrhundert als "Bluthusten der europç?ischen Kultur" verurteilte, grç?ndet im Schrecken vor der Naturgewalt des Sexuellen. Ein idealistisches, auf christlichen Humanismus sich grç?ndendes Menschenbild wird stets wieder gekontert durch den Hereinbruch dieser heidnischen Macht.

Ist es im Grunde der Konflikt zwischen Heidentum und Christentum, der im Streit um die Ausdrucksformen der Erotik und der erotischen Kunst ausgetragen wird? Nietzsche sieht in der christlichen Lehre mit ihren absoluten moralischen Maç?en eine Kunstfeindlichkeit, hinter der sich eine Lebensfeindlichkeit verstecke. Sein "Instinkt" gegen die Absolutheit der christlichen Moral ist als fç?rsprechender Instinkt des Lebens zu verstehen, "denn vor der Moral muç? das Leben bestç?ndig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist". ×??Das Christentum×??, beklagte Nietzsche, ×??gab dem Eros Gift zu trinken×??.

Seine antichristliche Gegenlehre taufte er auf den Namen eines griechischen Gottes: dionysisch nannte er sie.

Sexualitç?t ist, sei es in den geglç?ckten Formen ihrer Bemeisterung, sei es in den Formen der Entfremdung, immer auch zugleich "Kulturgeschehen",- auch und gerade dann, wenn sie aus dem offiziellen Prozeç? der Kultivierung ausgesperrt bleibt: Sie begleitet diesen als ein unterirdischer Strom. Sie ist der Schatten der Zivilisationsgeschichte, in deren Verlauf der sinnliche Leib zur Wohnstç?tte des "Leibhaftigen" wurde.

Erotik wç?re also als sozial und kulturell ç?berformte Sexualitç?t zu verstehen. Ihr liegen die moralischen, gesetzlichen und magischen Verbote zugrunde, die verhindern sollen, dass Sexualitç?t das soziale Gebç?ude unterspç?lt. In ihr drç?ckt sich der gezç?gelte Trieb aus; zugleich aber ist Erotik auch Ansporn der Sexualitç?t, indem sie als Phantasie die Gemeinschaft durchstrçmt, ohne diese den zerstçrerischen Gefahren der ç?berflutung auszusetzen. Es ist die Distanz, welche Erotik von Sexualitç?t unterscheidet. Der erotische Akt ist ein geglç?ckter Balanceakt, in dem der Kç?ltestrom einer rational organisierten Gesellschaft, ×?' der im Extrem genauso zum Zusammenbruch der Gemeinschaft fç?hren kann-, mit dem Wç?rmestrom einer zç?gellosen, zerstçrerischen Sexualitç?t zu einem immer wieder pr ekç?ren Ausgleich findet. Apollo kann nicht ohne Dionysos leben!

Doch auch in ihren gezç?hmten Versionen bleibt Erotik eine dç?monische Macht im menschlichen Bewuç?tsein, da in ihr der gefç?hrliche Gesang der Sirenen nachklingt, denen sich zu nç?hern tçdlich ist. Hingabe und Aufgabe, Regression und Aggression: das sind die Krç?fte, die nach wie vor locken. In der Literatur hat die Konvergenz von Lust und Todessehnsucht schon immer eine groç?e Rolle gespielt.

Distanz ermçglicht Freiheit. Insofern gewç?hrt auch Kunst Freiheit. Sie gewç?hrt die Freiheit, mit dem Feuer zu spielen, ohne an ihm zu verbrennen. Sie spricht das Auge an; sie gewç?hrt ein Liebç?ugeln mit der ×??Sç?nde×??, ohne dass man selbst sç?ndigt.

Eduard Fuchs, der Altmeister der Erotischen Kunst, dessen Bç?cher zu seiner Zeit selbst der Pornographie bezichtigt wurden, bezeichnet Erotik als das Fundamentalthema aller Kunst: Sinnlichkeit sei in jeder Kunst prç?sent, auch wenn sie nicht immer sexuell pointiert ist. Insofern ist jede Kunst erotische Kunst. "Die Geburt der Kunst im allgemeinen", schreibt er, "bedeutet im Besondern zugleich die Geburt der erotischen Kunst. Damit ist aber wiederum nichts anderes als die Tatsache belegt, daç? die Erotik als solche die Hauptwurzel aller Kunst ist". In diesem Sinne wç?re es beinahe eine Tautologie, von ×??Erotischer Kunst×?? zu sprechen.

Daç? groç?e Kunst nur interesseloses Wohlgefallen erwecken kçnne diese Behauptung der bç?rgerlichen ç'sthetik hç?lt Fuchs fç?r ein Vorurteil des Moralismus.

Als man Picasso an seinem Lebensabend einmal nach dem Unterschied zwischen Kunst und Erotik fragte, antwortete er nachdenklich: ×??Aber ×?' es gibt keinen Unterschied×??. Ja, wie andere vor der Erotik, so warnt Picasso vor der Erfahrung der Kunst: ×??Kunst ist niemals keusch, man mç?sste sie von allen unschuldigen Ignoranten fernhalten. Leute, die nicht genç?gend auf sie vorbereitet sind, dç?rfte man niemals an sie heranlassen. Ja, Kunst ist gefç?hrlich. Wenn sie keusch ist, ist sie keine Kunst×??.

Erotische Kunst provoziert ihrer Natur gemç?ç? Entrç?stung, da sie die Grenzen eines tabuierten, eines verbotenen Bereiches ç?berschreitet. Dabei geht es um innere Verbote, nicht immer nur um solche, die von auç?en, durch Moral und Gesetzgebung gesetzt werden. Insofern wird Erotik, unabhç?ngig von aller gesellschaftlichen Liberalisierung, stets ein brisanter Bereich bleiben.

Erotik und erotische Kunst bleiben dç?monische Mç?chte im menschlichen Bewuç?tsein, Mç?chte, die immer wieder verbotene und gefç?hrliche Wç?nsche in uns wecken. Wie aber umgehen mit diesen Mç?chten? Bataille setzt einem verschreckten Zurç?ckweichen entgegen: "Ich glaube nicht, daç? der Mensch Aussicht hat, Licht in die Situation zu bringen, bevor er nicht beherrscht, was ihn erschreckt ... Der Mensch kann das, was ihn erschreckt, ç?bersteigen, er kann ihm ins Gesicht sehen".

***

Die Freiheit der Erotischen Kunst war immer auch ein Ausdruck eines generellen Freiheitsverlangens.

Eine solche Epoche war die Renaissance, mit der, nach dem klerikal dominierten Mittelalter, das Morgenrot einer neuen Zeit anbrach. Beflç?gelt von wissenschaftlichem Geist und Entdeckungseifer traten irdische Gestalten, Menschen von Fleisch und Blut, nun an Stelle der himmelwç?rts gestreckten Heiligenfiguren. Mit dem Studium der Antike wandte man sich einer vor-christlichen Zeit zu; Gestalten des Olymp und Szenen der Mythologie wurden zum Gegenstand der Kunst. ×??Es war eine Periode, in welcher man das goldene Zeitalter mit seinen sorgenlosen Freuden, dem vollen Auskosten der irdenen Genç?sse, der vollen Freiheit in der Liebe, jene Seligkeit auf Erden genieç?en wollte... Priap herrschte im Leben dieser Zeit, sein Kultus wird in Literatur und Kunst mit Eifer betrieben... Die Antike war Ideal dieser Zeit, weil sie am ehesten ihren Gefç?hlen nahekam, weil in ihren freien Sitten, in ihrer an Liebesgeschichten so reichen Literatur alles das zu finden war, was jene Zeit so mç?chtig bewegte: ein mç?chtiger Drang nach Freiheit, ein mç?chtiger Zug zur Schçnheit . (Cary von Karwath, Die Erotik in der Kunst, Wien/Leipzig 1908, S.12 .)

In dieser Blç?tezeit, die einherging mit der Entfaltung eines reichen bç?rgerlich-stç?dtischen Lebens, entstanden in Italien zahlreiche Darstellungen von Liebesszenen, die den Gegnern der Freiheit in der Kunst beweisen konnten, dass in diesen Bildern nichts den Menschen Entwç?rdigendes liege. Ein eifriger Verfechter der Erotik war Giulio Romano, ein Schç?ler Raffaels, dessen ×??Gçtterliebschaften×?? von Marc-Antonio Raimondi, dem berç?hmtesten Kupferstecher der Renaissance, wiedergegeben wurden. (Paul Avril hat seine1904 entstandenen Lithographien Giulio Romano gewidmet). Sind Giulio Romanos Bilder verlorengegangen? Bekannt ist, dass er sich den Zorn des Papstes zugezogen hat, und er konnte dem Kerker nur durch schleunige Flucht entgehen.

2 DIAS: GIULIO ROMANO + 10 DIAS: Paul Avril

In Bologna bildete sich die Malerschule der Brç?der Lodovico, Agostino und Annibale Carracci, die durch zahlreiche Darstellungen von Liebesszenen bekannt wurde. Man fand die "wahre Kunst" in einer Idealisierung der Natur. Insgesamt wirkte der Geist der Renaissance auf die Kunst befreiend. Die Kç?nstler interessierten sich fç?r den Menschen und die Schçnheit seines Kçrpers. In der Kunst Italiens brachte die Renaissance eine Blç?tezeit der Erotik.

10 DIAS: Agostino CARRACCI

In Deutschland dagegen war der Einfluss der Antike gering. Hier ç?bernahm die Kunst die Rolle des Moralisten, der in abschreckender Weise zeigen will, wie tief seine Zeitgenossen gesunken sind. Im 17. Jahrhundert waren es dann die Verwç?stungen durch den 30-jç?hrigen Krieg, die fç?r lange Zeit die çkonomische Rç?ckstç?ndigkeit des Landes begrç?ndeten und eher eine Verrohung der Kultur zur Folge hatten. Fç?r eine erotische Kultur war kein Nç?hrboden vorhanden.

Ganz anders dagegen war die Situation in der ×??Republik der Vereinigten Niederlande×?? im 17. Jahrhundert: Nachdem die Niederlande zu einem freien, unabhç?ngigen Land geworden waren, wurden sie zur Zufluchtsstç?tte aller politisch Verfolgten. Hier gab es keinen Papst, wie in Italien; es gab keinen Kçnig, wie in Frankreich. Die hier entstehende Kunst diente nicht der Ausschmç?ckung von Kirchen, Klçstern und Palç?sten: Sie war fç?r das Haus des Bç?rgers bestimmt. Aus dieser Zeit stammen die frç?hesten erotischen Stiche. Goltzius entnahm sein Thema bald der heiligen, bald der profanen Geschichte. Das Leben des einfachen Volkes wurde zum Thema gemacht. Der Geist der Erotik, wie schon in der Zeit der Renaissance in Italien, war von einem gesunden Gefç?hl der Sinnlichkeit bestimmt. Die kleinen hollç?ndischen Stiche zeigen eine naiv-sinnliche Heiterkeit und eine Freude am Akt selbst.

Wenn die Niederlande auch heute noch berç?chtigt sind wegen ihrer freizç?gigen Pornographie, so hat dies Tradition: Frç?h schon hatten sie einen wesentlichen Anteil am Vertrieb philosophisch- aufklç?rerischer, pornographischer und politischer Schriften. Sie wurden zu einem der bedeutendsten Verlagszentren wç?hrend der Periode der europç?ischen Aufklç?rung. Der relativ hohe Grad an religiçser und politischer Toleranz legte dem Vertrieb und dem Konsum pornographischer Artikel wenig Beschrç?nkungen auf.

9 DIAS: FRç?HE NIEDERLç'NDISCHE STICHE

Erst Mitte des 18. Jahrhunderts traten die Niederlande ihre Fç?hrungsposition an Frankreich ab, wo sich eine sç?kulare ×??Dreifaltigkeit×?? entwickelte, bestehend aus Politik, Pornographie und Philosophie. Frç?he erotische Stiche, auf denen z.B. ein Priester zu sehen ist, geben sich damit als franzçsische zu erkennen.

Die Technik des Kupferstichs hatte dabei eine Popularisierung der Kunst zur Folge. Die franzçsischen erotischen Kupferstiche wurden in ganz Europa berç?hmt, franzçsische Stecher waren sehr gesucht. Die galanten Stiche aus dem Rokoko idealisierten das sich in Mç?ç?iggang ergehende Leben der oberen Gesellschaftsschicht. Frech-ç?berschç?umende Szenen der Liebeslust nehmen im Rokoko einen breiten Raum ein. Die wesentlichen Impulse gingen dabei von Paris aus, vom Kçnigshof und der hier versammelten Aristokratie. Dabei gingen galante Kunst und galantes Leben so ineinander ç?ber wie in keiner anderen geschichtlichen Phase: Die Kunst schmç?ckte mit kleinen zierlichen Bildern, mit zierlichen Statuetten, mit kleinen Bç?chern voll zierlicher Kupferstiche das Boudoir der schçnen Mç?tressen und verhalf diesen Damen in den Petites Maisons zu einem verfç?hrerischen Milieu. Erotische Themen und Motive aus der klassischen Mythologie, die schon in der Renaissance immer wieder als Vorwand zur Darstellung von Liebesszenen dienten, blieben auch im Rokoko beliebt. Liebschaften wurden arrangiert und verklç?rt als "Gçtterliebschaften". "L Adoration du Sexe": Das Rokoko ist ein einziges Hohes Lied der mit Bewusstheit und Raffinement sich auslebenden sinnlichen Liebe.

Karwath vergleicht die erotische Kunst der Renaissance mit der des Rokoko ( Karwath, a .a. O., S. 67 ) : ×??War die Renaissance ein Zeitalter natç?rlicher Sinnenlust und Sinnenfreuden, so ist das Rokoko eine Periode raffiniertester Sinnenreize, welche vielleicht die leicht erschlaffte Kraft neu erregen soll, oder den Zweck hat, den Genuss zu verfeinern und seine Dauer zu verlç?ngern. Man kçnnte sonach sagen, dass mit dem Rokoko und seiner Verfeinerung jedes Genusses ein Raffinement in die Liebe hineingebracht wurde, welches ihr bisher in solchem Maç?e gefehlt haben mag×??.

10 DIAS: HUET  

Die Kunst des Rokoko inspirierte die Erotische Kunst fç?r die nç?chsten 200 Jahre. Von verschiedenen Kç?nstlern wurde immer wieder dieses "Goldene Zeitalter" beschworen. Als Beispiel sei hier Konstantin Somoff hervorgehoben. (Ich weiç?, dass ich Eulen nach Athen trage: Somoff lebte undarbeitete hier in St.Petersburg).

6 DIAS: SOMOFF  

Insbesondere in den Buchillustrationen des Rokoko kamen die erotischen Kupferstiche zur Geltung. Viele Kç?nstler widmeten sich der Aufgabe, die schçnen Ausgaben der reizenden Bç?cher mit erotischen Stichen zu illustrieren.

Die neue libertinistische Literatur war, gemç?ç? jener sç?kularen Dreifaltigkeit, vorwiegend auch eine anti-klerikal-aufklç?rerische. Vernunft und erotischer Genuss galten als oberste Ziele, und man darf annehmen, dass die Philosophie der Aufklç?rung ganz wesentlich auch durch die Verbreitung der Pornographie befçrdert wurde. Die sexuelle Orgie wurde in diesen Werken oft zum Ersatz fç?r die religiçse Messe.

15 DIAS: BUCHILLUSTRATIONEN  

Doch das Rokoko war auch die Zeit der intriganten ×??Gefç?hrlichen Liebschaften×?? und der kalten Leidenschaften eines Marquis de Sade . Insofern pr oduzierten diese poetischen Bilder auch einen schçnen Schein, eben: Ideologie. ×??Als Repertoire der erotischen Phantasien des Abendlandes, als Ausdruck seiner unbewussten Wç?nsche und als bildliche Begleitung seiner kulturellen Entwicklung waren die Personen und Szenen jener Bilder und Stiche eher die Illustration einer notwendigen Illusion, als die Widerspiegelung einer realen Welt×??. [ Jacques Solç¿, Liebe in der westlichen Kultur, Frankfurt/Berlin 1979, S.253 ] Jacques Solç¿ warnt, dass die historische Bedeutung der fleischlichen Trç?ume der neuzeitlichen Christenheit nicht ç?bertrieben werden sollte.. ×??Die ç?sthetische Erotik des Ancien Rç¿gime stellte eine ç?uç?erst seltene Freiheit fç?r eine Zivilisation mit kontrollierter Sexualitç?t dar, ein Fest, das sich die immer rigider gefangenen Sinne herausnahmen. Die wunderbaren Paarungen der verschlungenen Liebenden leiten sich von den Trç?umen einer Epoche ab, die in Anzç?gen und hinter Vorhç?ngen eingeschlossen war; je mehr sie den Kçrper verachtete und verbarg, umso mehr zelebrierte sie das Ideal seines sichtbaren Zaubers. So pr ç?sentiert die in den Museen versammelte Kunst den imaginç?ren, nicht den wirklichen Anteil unserer Vergangenheit×??. [ Jacques Solç¿, Liebe in der westlichen Kultur, Frankfurt/Berlin 1979, S.255] ×??Herrschaft der Lust×??: man s pr ach mehr davon, als dass sie gelebt wurde. Die Elite war ×??eher zerebral als sinnlich×??.

6 DIAS: SADE  

Fassen wir ×?' mit Karwath ×?' den Zeitraum vom Tode Ludwigs XIV. bis zum Ausbruch der Revolution zusammen, so bildet er ein ununterbrochenes Fest, und dieses Fest bezeichnet man als das 18. Jahrhundert. Diese Zeit, in ihrem fieberhaften Genuss, hat in Frankreich eine Kunst geschaffen, welche von dort aus noch im selben Jahrhundert nahezu ganz Europa eroberte... Es war eine Zeit gesteigerten Genusses, welche sich, je nç?her die Revolution rç?ckte, desto mehr verfeinerte, desto mehr dem Genuss hingab, sodaç? Talleyrand ausrief: "Diejenigen, welche die letzten 10 Jahre vor der Revolution nicht gekannt haben, haben das Glç?ck zu leben nicht gekannt".

Durch ihre Angriffe auf die alten Bastionen der Moral, insbesondere die Moraltheologie der Kirche, dç?rfte die Pornographie ideologisch auch den Boden der Revolution von 1789 vorbereitet haben. Die Vermittlung der libertinistischen Ideologie und der "natç?rlichen Religion" stellte die Verbindung zur Philosophie der Aufklç?rung her.

Diese aufklç?rerisch-antireligiçse Konnotation der libertinen Literatur verlor sich nach der Revolution: der sexuelle Reiz an sich wurde zum hauptsç?chlichen Inhalt. Ideologisch haben die Schriftsteller am Ende des Jahrhunderts, wie Nerciat, Mirabeau und Bretonen, kaum mehr etwas zu sagen; die sexuelle Befriedigung der Helden ist zum alleinigen Hauptgegenstand geworden.

 

In England wiederum lebten und arbeiteten die Kç?nstler in einer moralischen Atmosphç?re, die die Entwicklung des galanten Genres in seiner amoralischen Aus pr ç?gung, wie es die Franzosen kannten, nicht erlaubte. ×??Wç?hrend Fragonard es auf sich nahm, die ausschweifenden Phantasien seiner adligen Kunden elegant darzustellen und unverdeckt die Explosionen des Orgasmus beschwor, verbanden die englischen Karikaturisten um 1800 die Manifestationen der Erotik direkter mit der perversen, gierigen und fast impotenten Unzucht der Groç?en und der Reichen×??. [ Jacques Solç¿, Liebe in der westlichen Kultur, Frankfurt/Berlin 1979, S.256] Man liebte ohne Umwege. Gefçrdert wurde der Genuss durch groç?e Vermçgen: Reich gewordene Kaufleute und Unternehmer kamen mit fabelhaften Vermçgen aus Indien zurç?ck und richteten sich in London Harems ein. Insbesondere unter der englischen Aristokratie schuf die neugewonnene Freiheit eine ausschweifende Atmosphç?re. Doch versuchte man, mit Hilfe der Literatur, der Kunst und der Presse moralisch auf die Menschen einzuwirken. Getragen wurde diese moralisierende Bewegung vom Puritanismus. Die englischen Kupferstecher bedurften keiner Zensur, denn der Zensor steckte in ihnen selbst. So dominiert in der englischen Graphik der Moralismus. William Hogarth assoziiert den geschlechtlichen Trieb mit Unordnung, tierischer Lust und Gesetzeslosigkeit. Seine bekannten Serien "The Harlots Progress" und "The Rakes Progress" sind Beispiele dieser moralisierenden Kunst. Eine groç?e Ausnahme bildete Thomas Rowlandson mit seiner Neigung zur grotesken ç?bertreibung. In dieser liegt seine moralische Botschaft an den Betrachter: seine Frauen sind oft unersç?ttliche Nymphomaninnen, die Mç?nner gekennzeichnet durch senile und hilflose Wollust. Abstoç?ende physische Details betonen oft die satirische Wirkung seiner Stiche. Insgesamt aber ist Rowlandson revolutionç?r und verweist auf die philosophischen Krç?fte hinter der Franzçsischen Revolution.

10 DIAS: ROWLANDSON  

Und in Deutschland? In der Enge der deutschen Kleinstaaterei konnte sich eine erotische Kunst nicht entfalten. Hier waren Biederkeit und Zç?chtigkeit gefragt, nicht so sehr franzçsische ×??Amoralitç?t×?? und Frivolitç?t. Der Adel zwar war an Frankreich orientiert: Paris und Versailles galten im 18. Jahrhundert als Vorbilder, und Friedrich der Groç?e holte sich die franzçsischen Freigeister an seinen Hof. Zwar erwarb er wunderbare, poetische Rokoko-Gemç?lde; auç?erhalb des Salon aber herrschte der Geist militç?rischer Disziplin.

Das 19. Jahrhundert brachte eine neue Sittlichkeit hervor, orientiert an bç?rgerlicher Anstç?ndigkeit und familiç?rer Tugend. Die Pikanterien von Peter Fendi und Johann Nepomuk Geiger, in Wien entstanden, sind hier die groç?en Ausnahmen. -

8 DIAS: FENDI + 8 DIAS GEIGER  

Frankreich befand sich nach der Groç?en Revolution noch lange Zeit in einem sexualmoralischen Moratorium, in dem das einmal geweckte Freiheitsverlangen sich nicht so schnell abstillen lieç?. Glaube und Religion waren abgeschafft, und damit schwand die letzte Schranke, die die Kç?nstler sich aufzulegen gezwungen waren, wenn sie erotische Motive darstellten. Vivant Denon, der unter der Revolution zum Direktor der staatlichen Kunstsammlungen ernannt wurde, zeichnete sein Oeuvre Priapique trotz seiner hohen Stellung mit vollem Namen. Die Erotik zur Zeit der Franzçsischen Revolution war, wie jene der Renaissance, Symbol einer kraftvollen Sinnlichkeit und durch keinerlei Vorschriften oder Rç?cksichten eingeengt. Unter Napoleon wurde diese Freiheit durch Eingriffe der Zensur eingeengt. Doch waren es weniger Sittlichkeitsgrç?nde, die zur Unterdrç?ckung fç?hrten, als vielmehr die Rç?cksicht auf das Ansehen des monarchistischen Prinzips. Aber die Zensur wurde in ç?uç?erst liberaler Weise ausgeç?bt.

8 DIAS: VIVANT DENON  

Allmç?hlich erstarkte das Bç?rgertum. An Stelle des Adels der Geburt entstand ein Adel des Geldes. Das beste Beispiel fç?r den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher, politischer und allgemeiner erotischer Entfaltung ist das Jahr 1830 in Frankreich und die von ihm ausgehende politische und kç?nstlerische Bewegung. Die Bourgeoisie riss nun endlich und endgç?ltig die politische Macht an sich. Wenige Zeiten haben eine solche Unzahl an erotischen Arbeiten hervorgebracht wie diese. "Man steht fçrmlich vor einem Rç?tsel", schreibt Eduard Fuchs. "Wo man hingreift, wo man nachgrç?bt: ç?berall findet man neue erotische Dokumente aus jener Epoche, ç?berall tauchen neue Serien erotischer Bilder auf, und alle sind erfç?llt und gesç?ttigt von erotischer Schwelgerei. Eine Schwelgerei, die sich gebç?rdet, als habe sie die Herrlichkeiten der Wollust eben erst fç?r die Menschheit entdeckt, und als sei es nun die oberste Aufgabe, diese Entdeckung mit all ihrer Pracht der ganzen Welt so laut wie mçglich zu verkç?nden". Es war die Technik der Lithographie, die die groç?e Verbreitung dieser Blç?tter ermçglichte und zur Demokratisierung des Genusses beitrug.

25 DIAS: ROMANTISCHE LITHOGRAPHIEN  

In den biedermeierlichen Lithographien ist das utopische Moment einer befreiten, egalitç?ren Sexualitç?t aufbewahrt.

In den ×??Diableries ç¿rotiques×?? von Le Poitevin transmutiert der christliche Teufel, Inkarnation des Bçsen schlechthin, zum liebenswerten Schalk, der erfindungsreich seine neckischen Spielchen treibt. Diese Teufelchen, Vorfahren des ×??ç?ffischen×?? Triebes, sind die Nachfolger der vor-christlichen Satyr-Gestalten. Die Phantasien von Le Poitevin haben die kç?nstlerischen Phantasien der folgenden 150 Jahre immer wieder befruchtet. Sein Werk ç?berragt, dem Urteil des Kenners Eduard Fuchs folgend [Eduard Fuchs, Geschichte der erotischen Kunst, Mç?nchen 1912, Bd.1, S.349], ×??die gesamte zeitgençssische erotische Karikatur, aber nicht nur diese, sondern vielleicht ç?berhaupt alles, was bis dahin an erotischer Karikatur geschaffen worden ist. Man kann sogar die Frage aufwerfen, ob seither ein Werk entstanden ist, das an Kç?hnheit und Witz dem Le Poitevinschen nahekommt, geschweige denn ç?bertrifft×??.

8 DIAS: LE POITEVIN  

Victor Hugos Wort: "Alles, was sich in der Natur findet, findet sich in der Kunst" kann als Devise der Zeit gelten. Hervorzuheben ist hier Henri Monnier, der ein scharfes und gut beobachtendes Auge auf seine Umgebung hatte. Er stellte die Laster und Leidenschaften seiner kleinbç?rgerlichen Mitmenschen offen und liebevoll dar.

8 DIAS: HENRI MONNIER  

Als die franzçsische Bourgeoisie sich unter dem Bç?rgerkçnigtum konsolidierte und sich nur noch dem Geschç?fte-Machen hingab, verebbte der Geist der Franzçsischen Revolution und mit ihm die kç?nstlerische erotische Produktion.

Das aufsteigende Industriezeitalter machte das erotische Bild zum Massenartikel, wozu auch die neue Technik der Photographie beitrug. Gleichzeitig verdç?sterte sich das bislang so heitere Bild der Sexualitç?t: Ihr Bild fragmentierte, zerfiel quasi in Darstellungen ihrer Partialtriebe mit allen Ausdrucksformen der Perversion: Sadismus, Masochismus, Flagellation, Sodomie und Fetischismus ×?' die ganze Palette der von Krafft-Ebing inventarisierten ×??Psychopathia Sexualis×?? konnte nun zum Thema werden.

Je stç?rker der Mann zum sich selbst beherrschenden, seine Emotionen unterdrç?ckenden Wesen sozialisiert wurde, desto dç?monischer erschien ihm die Frau, die ihm um die Wende zum 20. Jahrhundert als bedrohlicher Vamp, als Sphinx und Domina gegenç?bertrat. Seine unterdrç?ckte Triebhaftigkeit pr ojizierte er auf ×??das Weib×??, von dem er auf unterwç?rfige Weise abhç?ngig war. ç?ber die Frauen in Aubrey Beardsley s Werk ist zu lesen: ×??Es sind die Frauen eines niedergehenden Zeitalters, die er mit wunderlichen Linien darstellt, die orchideenhaft aus dem Schwarzweiç? seiner Blç?tter hervorwachsen, voll von Dç?monie, von Lockung und Verfç?hrung. Jede Geste ist Verworfenheit, jeder Blick Laster. Und die Mç?nner sind die Affen ihrer Sexualitç?t, die ein scheckiges Narrenkleid tragen und wie toll mit grotesken S pr ç?ngen die zum Gçtzen erhobene Nacktheit umtanzen. Sie sind nur Phallustrç?ger, Sklaven des Fleisches, die sich zwischen weiç?en Schenkeln demç?tigen und erniedrigen wollen. Nicht mehr Herren sind sie, sondern Hçrige×??. [Bilderlexikon der Erotik, Wien/Leipzig 1930, Bd.3, S.108 ]

8 DIAS: AUBREY BEARDSLEY  

Beardsleys Illustrationen waren nicht ohne Einfluss auf das Werk von Franz von Bayros, der sich fast ausschlieç?lich der erotischen Illustration zuwandte. Er war ein Schçnheitsfanatiker, den alles Derbe abstieç?: ×??Ich sage es noch einmal×??, heiç?t es in seiner Abhandlung `Sur ma morale` in der Spezialnummer des `Collectionneur` (Budapest 1913), ×??wie ich es am Tage des Jç?ngsten Gerichtes sagen werde: Ich habe immer nur der Schçnheit gedient, jener gçttlichen Schçnheit, die ich im geringsten Geschçpf diese Welt bewundere, die ich anbete in allen ihren Verkçrperungen, besonders aber im Menschen. Doch gestatten Sie mir zu sagen, schçne Damen und Herren, die Sie vielleicht diese Zeilen lesen werden, der Mensch, wie ich ihn sehe, ist nur jenes kultivierte Wesen, dem es nicht gefç?hrlich werden kann, wenn er einmal ein erotisches Buch liest oder eine `schamlose` Zeichnung ansieht. Und ein so kultivierter Mensch, wie ich ihn sehe, kann unmçglich durch den Anblick jener Kçrperteile chockiert werden, deren Namen die Moralheuchler nicht einmal auszus pr echen wagen.×?? [ zit.n. Paul Englisch, Irrgarten der Erotik, Leipzig 1931, S.244 f.]. Am Vorabend des 1. Weltkrieges entwirft hier ein ç'sthet, alle sozialen und politischen Spannungen des hç?sslichen Industriezeitalters ausblendend, noch einmal das Gegenbild einer hedonistischen Welt. Immer wieder geriet Bayros, der seine Werke auch unter dem Pseudonym Choisy le Conin verçffentlichte, in Konflikt mit der deutschen Zensurbehçrde, sodass er 1911 Mç?nchen verlieç? und nach Wien ç?bersiedelte.

10 DIAS: FRANZ VON BAYROS  

Das 20. Jahrhundert endlich brachte eine Vielzahl erotischer Themen und Ausdrucksformen hervor; die produktivste Zeit waren die 20er-Jahre. (Dieses Thema soll einem anderen Vortrag vorbehalten bleiben). Man hat den Eindruck, das programmatische Ziel der gerade sich entfaltenden Psychoanalyse ×?' ×??Wo Es war, soll Ich werden×?? ×?' sei auch zum Ziel der erotischen Kunst geworden. Die erotische Kunst dieser Zeit schillert in vielen farbigen, aber auch dç?steren Facetten; auf der Suche nach einem Ausdruck befreiter Sexualitç?t wurde sie zu einem Experimentierfeld der Phantasie. Die Kunst ist ungebundener noch als das brausende Leben dieser Jahre. Und nicht nur Wç?nsche nahmen in der Kunst Gestalt an: auch ç'ngste artikulierten sich. Ungeahnte Freiheiten erçffneten sich; doch noch immer waren die staatlichen Behçrden restriktiv, sodass die meisten Werke anonym publiziert werden mussten. Viele der in Deutschland in dieser Zeit beschlagnahmten Werke wurden ×??der Vernichtung zugefç?hrt×??, wie es in den heute noch erhaltenen polizeilichen Verzeichnissen heiç?t.

Vergleicht man die Bilderfç?lle der deutschen mit den in Frankreich erschienenen Folgen, so fç?llt als Grundzug doch auf, dass dort die Leichtigkeit und Lebensfreude, wie sie in den Bilden des Rokoko zum Ausdruck gelangten, bis ins 20. Jahrhundert nachhallte. Noch in den mondç?nen Zeichnungen eines Marcel Vertç³s, in den Lithographien von Rojan und in den morbid-lç?ssigen Aquarellen eines Jules Pascin findet man das leichte Flair des Rokoko. (Nebenbei bemerkt: alle drei eben genannte Kç?nstler sind jç?discher Herkunft. Juden hatten stets eine freiere Einstellung zur Sexualitç?t als christlich gebundene Kç?nstler. Erwç?hnt sei noch Rojans Verbindung zu Petersburg: hier verbrachte er seine Jugend!)

6 DIAS: VERTç%S + 10 DIAS ROJAN + 4 DIAS PASCIN)

Die in Deutschland erschienene Graphik blieb dagegen ungleich abstrakter und weniger sinnenfreudig. Eine der wenigen Ausnahmen bildet der als ×??Frç?hlingsmaler×?? bekannt gewordene Otto Schoff, dessen Aquarelle ganz vom Pariser Flair durchdrungen sind. Seine Liebe galt den jungen Mç?dchen: ×??Im Louvre hç?ngt ein kleines Bild von Cranach, ein zartes Mç?dchen vor ganz dunklem Hintergrund. Durchsichtig gemalt, mit einem dç?nnen Hç?lschen und einem hochgeschlossenen Kleid. Die Brç?stchen ahnt man gerade... Da stand ich Tag um Tag, wenn ich nicht hinter einem der kleinen Mç?dchen herlief, weil mich sein Gang berauschte, und seitdem male ich nur noch junge Mç?dchen×??. [zit.n. Otto Brattskoven Otto Schoff, Bremen o.J., S.31]

6 DIAS: OTTO SCHOFF  

Das Werk von Rudolf Schlichter, George Grosz und Michel Fingesten kçnnte man, verglichen mit dem von Schoff, dagegen beinahe als anti-erotisch einstufen. Die intellektuelle, hç?ufig auch sozialkritische Komponente dominiert; Sexualitç?t wird als eine im hçchsten Grade unfriedliche dargestellt. So sehr der Surrealist Hans Bellmer spç?ter auch seine deutsche Herkunft abstritt und nach dem 2. Weltkrieg im Lande seines Exils blieb: an der Intellektualitç?t und Abstraktion seiner Arbeiten bleibt seine Herkunft erkennbar.

6 DIAS: SCHLICHTER + 5 DIAS: GROSZ + 8 DIAS: FINGESTEN)  

In Deutschland bedeutete das Jahr 1933 auch das Ende fç?r die Erotische Kunst. Viele Kç?nstler, wie Fingesten, George Grosz und Bellmer verlieç?en Deutschland. Schoff starb 1938, nachdem am Vortag die Gestapo einen Teil seiner Bilder im Atelier beschlagnahmt hatte. Unter dem braunen Ungeist wurde jede freiheitliche Regung des Gedankens, der Phantasie und des Lebens erstickt.

In Frankreich endete die Freiheit der Kunst mit dem Einmarsch der Deutschen 1939. Marcel Vertç³s und Rojan gingen ins Exil in die Vereinigten Staaten. Doch das dortige puritanische Klima bot keine Atmosphç?re, in der eine Erotische Kunst gedeihen konnte.

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Insofern sich in der erotischen Kunst etwas ausdrç?ckt, was als Trieb in uns allen ist, mç?ssen wir uns fragen, ob diese Nicht-Anerkennung und Miç?achtung auch den Teil in uns selbst betrifft, dessen Existenz wir ja nicht abstreiten kçnnen. Die Werke der erotischen Kunst kçnnten uns dazu verhelfen, die Grenzen der Toleranz auszuweiten; vor allem aber: der Toleranz dem gegenç?ber, was wir als Fremdes in uns selber verspç?ren.

Denken wir an das wunderbare Werke des Marquis de Bayros. Immer wieder wurden seine Bilder Gegenstand von Strafrechts pr ozessen. Der Mç?nchner Staatsanwalt, der die Anklage gegen die 1908 erschienene Folge ×??Erzç?hlungen am Toilettentisch×?? vertrat, trug den bezeichnenden Namen Dr. Haç?. Der Prozessverlauf fiel dadurch auf, dass er durch Unbeherrschtheit und eifernde Ausfç?lle immer wieder gegen die Regeln der Straf pr ozessordnung verstieç?. ×??Welche Gefahr erwç?chse dem Vaterland, wenn solche Werke verbreitet wç?rden!×?? Beim Lesen der Gerichts pr otokolle gewinnt der unbefangene Leser schlieç?lich den Eindruck, dass nur sexuelle Erregung solches Eifern seitens der Staatsanwaltschaft bewirken kçnne. Ist ×??Pornographie×?? also nur ein Problem der Anti-Pornographen? Deren Entrç?stung wç?re nichts anderes als eine verschobene Form der sexuellen Erregung. Ihr liegt die gleiche emotionale Spannung zugrunde, die der Liebhaber erotischer Kunst mit Hingabe genieç?t. Jene, die in allen kç?nstlerischen Darstellungen Pornographie wittern, sind, so darf man annehmen, im Grunde getrieben von Gier nach Pornographie. Deshalb mç?ssen sie sie verfolgen. Sie haben Angst vor den uneingestandenen Wç?nschen, die Erotische Kunst weckt und sichtbar macht, ×?' sofern man ehrlich ist. Sie fç?hlen sich insgeheim zu den Versuchungen hingezogen und sind eifernd bemç?ht, anderen diese Versuchungen aus dem Wege zu rç?umen,- weil sie, unter dem Vorwand, andere schç?tzen zu mç?ssen, sich selbst schç?tzen. Denn im Innersten fç?rchten sie sich vor ihren eigenen Schwç?chen.

Erotische Kunst provoziert ihrer Natur gemç?ç? Entrç?stung, da sie die Grenze eines tabuierten, eines verbotenen Bereiches ç?berschreitet. Wesentlich ist hier die Frage, wie wir mit dieser nicht-alltç?glichen Erfahrung umgehen.

Mit der Aussperrung von Eros und der ihn darstellenden Kunst aus der abendlç?ndischen Tradition wurde auch dem ×??dunklen Teil×?? in uns selbst eine Kultivierung verweigert. Darin liegt der Grund, dass uns bis heute alles, was mit ×??Sex×?? zu tun hat, als ×??schmuddelig×??, wenn nicht gar gefç?hrlich erscheint. In der erotischen Kunst aber meldet sich ein Protest an ×?' gegen die fortbestehende Versklavung der Individuen durch ihre von Herrschaft ge pr ç?gte Lebenssituation.

1968 fand in Lund in Schweden die erste groç?e Ausstellung Erotischer Kunst statt. Phyllis und Eberhard Kronhausen knç?pften groç?e Erwartungen an die Wirkung der Kunst:

×??Finally erotic art ex pr ess the demand for sexual freedom ×?' a freedom vital to individual happiness and mental well-being. And sexual freedom, in turn, cannot exist without a high degree of political and economic freedom as well. In that sense, erotic art carries a truly revolutionary message: it demands no less than extension of freedom, not only in the sexual area, but in every sphere of social life×?? [Ph. und E.Kronhausen, Erotic Art , New York 1968, S. 8 ] . Dieses Statement spiegelt ganz die euphorische Aufbruchsstimmung dieser gç?renden Zeit.

Heute wird der Erotischen Kunst ihre kulturelle Toleranzzone zugestanden, ohne dass von ihrer revolutionç?ren Sendung etwas zu spç?ren ist. Die politische und soziale Sphç?re ist kç?lter geworden. Und sogar die sexuelle Sphç?re unterliegt bei aller Liberalisierung dem Kç?ltestrom der Zeit. Fç?r einige Jahrhunderte war diese Kunst tatsç?chlich identisch mit dem Verlangen nach einem Mehr an Freiheit. Georges Bataille sah in ihren Werken eine Obsession am Werke, die darin bestand, ×??das Fieber, die Begierde, die brennende Leidenschaft zu ç?bersetzen×??. Wer aber das Feuer der Erotik liebt, der ist ein Feind der Konventionen.

Die heutige Integration der Erotischen Kunst brachte sie um das Beste: die provokative Kraft, die in der Negation der gegebenen Normen lag.

Doch noch immer versucht man, und immer wieder, der erotischen Kunst mit Verboten zu entgegnen. Die Meldungen aus den Vereinigten Staaten unter der ç'ra Bush kçnnen uns nur mit Schrecken und Abscheu erfç?llen.

×??Die Gesetzgebung×??, so schrieb der deutsche Schriftsteller Heinrich Bçll 1971, ×??ist durch zwei Eigenschaften gekennzeichnet, durch Verkennung und Vorenthaltung; Verkennung der Geschlechtlichkeit des Menschen, Vorenthaltung von Freuden, die nur als verbotene Freuden katalogisiert werden×??. Sie fçrdere die Devitalisierung und Erstarrung des Triebes, fçrdere mithin die Stereotypisierung, die zur Pornographie fç?hrt, ja zur Kulturheuchelei. Auf dem 47. Deutschen Juristentag 1968 plç?dierte der groç?e deutsche Staatsrechtler Adolf Arndt daher fç?r eine Ethik der Zurç?ckhaltung des Staates und fç?r die Mç?ndigkeit und Selbstbestimmung der Bç?rger mit dem Argument, dass "die obere Sphç?re der Entfaltung kulturellen Lebens dem Strafrecht verschlossen bleiben muss: Eine nicht frei gewç?hlte Sexualmoral, sondern eine durch Repression mittels Kriminalstrafen erzwungene Moral hçrt auf, eine Moral zu sein, sondern ist nichts anderes als Dressur. Sie zç?chtet Kulturheuchler×??.

Im Gegensatz zur Pornographie, der es oft an Imagination mangelt und die eher der nç?chternen Welt der Arbeit verbunden ist, lç?sst uns die Kunst an einer erfinderischen Freude teilhaben. Das Sexuelle ×?' als Fundamentalthema aller Kulturen ×?' zeigt sich in der Gestalt von 1000 Metamorphosen. Darum: Lasst 1000 Blumen blç?hen! Es ist die Vielfalt der Sichtweisen, die uns die vielgestaltigen Metamorphosen der Erotik aufzeigt. Wer diese vielfç?ltigen Eindrç?cke hat auf sich einwirken lassen, wird die Welt der Erotik zukç?nftig mit anderen, gescheiteren Augen sehen.

"Alle Verdinglichung ist ein Vergessen", schrieben Horkheimer und Adorno in ihrer "Dialektik der Aufklç?rung". Kunst, insbesondere erotische Kunst, kç?mpft gegen diese Verdinglichung. Sie ist primç?r "Wieder-Erinnerung": sie wendet sich an eine vorbegriffliche Erfahrung des Glç?cks, die in ihr wieder auftaucht, und richtet sich gegen eine instrumentalisierte Sinnlichkeit. Darum wirkt sie naturgemç?ç? irritierend und verstçrend. Sie verletzt Tabus, indem sie ihren Blick auf Bereiche richtet, die normalerweise verschwiegen werden. In ihr rebellieren die Triebe gegen die Unterdrç?ckung des Kçrpers: Befreit vom Fluche der Arbeit, zeigt sich der Kçrper hier als ein Instrument der Lust. Indem sie hinweist auf die Freiheit und das Glç?ck jedes einzelnen, ist erotische Kunst immer auch eine rebellische Kunst.

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